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In einer Zeit, in der das europäische Bürgertum sein ökologisches Gewissen bevorzugt in skandinavischen Designermöbeln aus gepresstem Meeresplastik ertränkt, setzt Kopenhagen mit CopenPay neue Maßstäbe in der touristischen Selbstbeweihräucherung. Das Konzept ist so herrlich dänisch, dass man es fast für eine unentdeckte Regieanweisung von Lars von Trier halten könnte: Wer artig mit der Bahn anreist oder – Gott bewahre – tatsächlich seine eigenen Gliedmaßen zur Fortbewegung nutzt, erhält zur Belohnung Gratis-Kaffee oder freien Eintritt in Museen, die man ohnehin nur besucht, um das Handy im WLAN aufzuladen. Es ist die ultimative Infantilisierung des Reisenden, der nun wie ein dreijähriger Golden Retriever behandelt wird, der für das Unterlassen eines Teppich-Unglücks ein Leckerli bekommt. Man stelle sich die bürokratische Ekstase vor, wenn deutsche Beamte versuchen würden, dieses System zu kopieren: Wahrscheinlich müsste man zur Verifizierung der Bahnfahrt ein notariell beglaubigtes Selfie mit einem weinenden Schaffner und einer Kopie der Verspätungsbestätigung in dreifacher Ausfertigung vorlegen, während der dänische Barista bereits den laktosefreien Hafer-Latte für das bloße Vorzeigen eines Fahrradhelms kredenzt. Dieser neue öko-hedonistische Ablasshandel ist die Antwort auf ein Problem, das eigentlich gar nicht existieren dürfte, wenn man die CO2-Bilanz eines normalen Kopenhagen-Wochenendes betrachtet, bei dem allein die Kosten für ein Avocado-Toast den ökologischen Fußabdruck eines kleinen afrikanischen Staates kompensieren müssten. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir den Planeten nicht durch Technologie retten, sondern dadurch, dass wir wohlhabenden Hipstern das Gefühl geben, sie seien Mutter Teresa, nur weil sie statt eines Taxis ihre eigenen Designer-Sneaker benutzt haben. Wenn das so weitergeht, gibt es demnächst wahrscheinlich freien Zugang zum dänischen Thronrat, wenn man nachweisen kann, dass man während des gesamten Urlaubs nicht einmal hörbar ausgeatmet hat.
Ausland

Ablasshandel 2.0: Dänemark belohnt Touristen für die bloße Existenz ohne Verbrennungsmotor

In einer Zeit, in der das europäische Bürgertum sein ökologisches Gewissen bevorzugt in skandinavischen Designermöbeln aus gepresstem Meeresplastik ertränkt, setzt Kopenhagen mit CopenPay neue Maßstäbe in der touristischen Selbstbeweihräucherung. Das Konzept ist so herrlich dänisch, dass man es fast für eine unentdeckte Regieanweisung von Lars von Trier halten könnte: Wer artig mit der Bahn anreist oder – Gott bewahre – tatsächlich seine eigenen Gliedmaßen zur Fortbewegung nutzt, erhält zur Belohnung Gratis-Kaffee oder freien Eintritt in Museen, die man ohnehin nur besucht, um das Handy im WLAN aufzuladen. Es ist die ultimative Infantilisierung des Reisenden, der nun wie ein dreijähriger Golden Retriever behandelt wird, der für das Unterlassen eines Teppich-Unglücks ein Leckerli bekommt. Man stelle sich die bürokratische Ekstase vor, wenn deutsche Beamte versuchen würden, dieses System zu kopieren: Wahrscheinlich müsste man zur Verifizierung der Bahnfahrt ein notariell beglaubigtes Selfie mit einem weinenden Schaffner und einer Kopie der Verspätungsbestätigung in dreifacher Ausfertigung vorlegen, während der dänische Barista bereits den laktosefreien Hafer-Latte für das bloße Vorzeigen eines Fahrradhelms kredenzt. Dieser neue öko-hedonistische Ablasshandel ist die Antwort auf ein Problem, das eigentlich gar nicht existieren dürfte, wenn man die CO2-Bilanz eines normalen Kopenhagen-Wochenendes betrachtet, bei dem allein die Kosten für ein Avocado-Toast den ökologischen Fußabdruck eines kleinen afrikanischen Staates kompensieren müssten. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir den Planeten nicht durch Technologie retten, sondern dadurch, dass wir wohlhabenden Hipstern das Gefühl geben, sie seien Mutter Teresa, nur weil sie statt eines Taxis ihre eigenen Designer-Sneaker benutzt haben. Wenn das so weitergeht, gibt es demnächst wahrscheinlich freien Zugang zum dänischen Thronrat, wenn man nachweisen kann, dass man während des gesamten Urlaubs nicht einmal hörbar ausgeatmet hat.

21.06.2026, 07:00 · Ausgabe Nr. 109

Original Nachricht

Gutes tun und dafür Gutes bekommen: Das ist die Idee von "CopenPay". Mit dem Modell will die dänische Hauptstadt Kopenhagen nachhaltigen Tourismus fördern. Wer etwa mit der Bahn anreist, wird mit Rabatten belohnt. Von J. Sinram.

Quelle: tagesschau.de