
Flüssiges Elend: Wie die Chemieindustrie den metabolischen Ablasshandel für Selbstbetrüger perfektioniert
Tilman Hassenstein hat es endlich gewagt, das weiße Gold der Selbstverleugnung unter das Mikroskop der medialen Panikmache zu zerren. Süßstoffe sind das ästhetische Methadon für eine Gesellschaft, die zwar die Disziplin einer Amöbe, aber das Körperideal eines griechischen Gottes anstrebt. Die Nachricht, dass Aspartam und Neotam unter Umständen den Darm perforieren oder das Erbgut beleidigen, schlägt in die deutsche Seele ein wie ein veganes Schnitzel in eine CSU-Delegation. Über Jahrzehnte hinweg war das Versprechen glasklar: Man kann sich den gesamten Inhalt einer mittelgroßen Konditorei in den Schlund werfen, solange das begleitende Erfrischungsgetränk chemisch so instabil ist, dass es Plastikflaschen von innen ätzt. Der Diabetiker freut sich über die stabile Glykämie, während sein Mikrobiom vermutlich gerade eine Revolte plant, die gegen die Französische Revolution wie ein Kaffeekränzchen wirkt. Man muss es positiv sehen: Wenn der Süßstoff tatsächlich das Genom verändert, besteht zumindest die Hoffnung, dass die nächste Generation ohne das pathologische Bedürfnis nach Light-Produkten auf die Welt kommt. Die Industrie beruhigt indes mit der Präzision eines Gebrauchtwagenhändlers, dass die Substanzen völlig unbedenklich seien, sofern man sie nicht in Mengen konsumiert, die den Bodensee in Götterspeise verwandeln würden. Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass der einzige Weg zur Traumfigur nicht über das Labor, sondern über den Verzicht führt – was in einer Welt des grenzenlosen Hedonismus natürlich die einzige unheilbare Krankheit bleibt. Wer also Angst vor dem Krebsrisiko hat, sollte konsequent auf Zucker umsteigen und den schleichenden Tod durch Adipositas wählen; das ist zumindest eine traditionsreiche, handwerklich saubere Art des kollektiven Suizids auf Raten.