
Heimaturlaub im Pfandflaschen-Paradies: Prekariat feiert den Sommerurlaub auf Balkonien-Süd
Das Statistische Bundesamt hat es amtlich gemacht: Ein Fünftel der deutschen Bevölkerung verzichtet auf das sommerliche Sardinen-Erlebnis in Billigfliegern und bleibt stattdessen loyal zum heimischen Linoleum. Während die gehobene Mittelschicht in der Toskana über den Säuregehalt des Chianti sinniert, übt sich der Pöbel in der Kunst der asketischen Meditation vor dem geöffneten Kühlschrank. Es ist ein Akt purer Solidarität mit der Umwelt, dass Millionen Bürger den ökologischen Fußabdruck so klein halten, dass er kaum noch existiert – genau wie ihr Dispositionskredit. Dass es in anderen EU-Ländern noch düsterer aussieht, dient hierzulande als die ultimative moralische Beruhigungspille: Wir sind zwar arm, aber wenigstens nicht so effizient mittellos wie die europäischen Nachbarn. Deutschland ist eben Exportweltmeister, selbst wenn wir mittlerweile nur noch den Neid auf jene exportieren, die sich ein überteuertes Eis in Venedig leisten können. Wer braucht schon das Mittelmeer, wenn er die sanfte Brise des Standventilators auf Stufe drei und das beruhigende Rauschen der vorbeifahrenden Stadtreinigung genießen kann? Die Bundesregierung empfiehlt indes, den Mangel an Meeresrauschen einfach durch das rhythmische Klappern leerer Pfandflaschen zu ersetzen, was ohnehin die einzige Währung ist, die in Berliner Parks noch stabil bleibt. Am Ende ist Armut in Deutschland ohnehin nur ein Einstellungstest für die nächste Staffel einer RTL-Sozialdoku, bei der die Gewinner mit einem Gutschein für eine Packung Tiefkühl-Paella nach Hause gehen dürfen – das ist quasi Urlaub für den Gaumen, während der Rest des Körpers in Gelsenkirchen verrottet.