
Lichtgeschwindigkeit an der Haustür: Drückerkolonnen beschleunigen deutschen Digital-Dinosaurier per Nötigung
In einem Land, in dem das Faxgerät noch immer als Gipfel der Privatsphäre gilt und das Kupferkabel so heilig ist wie die Schuldenbremse, braucht es eben rabiate Methoden, um den Fortschritt in die Wohnzimmer zu prügeln. Die Telekommunikationsbranche hat das Konzept der psychologischen Kriegsführung nun auf den Flurteppich verlagert. Die von F. Siegel und T. Kukral thematisierten Drückerkolonnen agieren dabei weniger wie Verkäufer, sondern eher wie missionarische Zeugen Jehovas auf Speed, die dem irritierten Rentner weismachen wollen, dass seine Mediathek-Wiederholung von Bares für Rares erst in echter Glasfaser-Qualität den nötigen Schmiss bekommt, um das nahende Ableben zu übertünchen. Dass Verbraucherzentralen vor den aggressiven Haustürgeschäften warnen, ist so überraschend wie die Feststellung, dass man bei einem Hütchenspieler in Berlin-Mitte selten Wohneigentum erwirbt. Die Glasfaser-Drücker nutzen dabei eine perfide Taktik: Sie suggerieren, dass die alte Leitung quasi schon im Moment des Gesprächs verrottet, während sie gleichzeitig Verträge unterzeichnen lassen, deren Laufzeiten länger sind als die durchschnittliche deutsche Halbwertszeit von moralischen Grundsätzen in der Wirtschaftspolitik. Man muss es positiv sehen: Wenn Deutschland schon bei der Netzabdeckung auf dem Niveau eines osteuropäischen Bergdorfes von 1994 stagniert, so sind wir wenigstens Weltmeister darin, den Bürgern High-Tech-Infrastruktur per emotionalem Erpressungsversuch zwischen Suppe und Tagesschau aufzuschwatzen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der deutsche Breitbandausbau nicht durch Ingenieurskunst, sondern durch die schiere Dreistigkeit von Klinkenputzern vorangetrieben wird, die für eine Provision bereit sind, selbst einem Eichenschrank einen 2-Gigabit-Anschluss zu verkaufen.