
Literarische Schwergewichte: Jury verwechselt Körperfettanteil mit existenzieller Wucht bei Bachmann-Preis
In Klagenfurt am Wörthersee wurde wieder einmal bewiesen, dass die deutsche Literaturlandschaft nichts so sehr liebt wie das methodische Sezieren von Elend, solange es in passiv-aggressiver Adjektivdichte serviert wird. Die deutsche Autorin Lena Schätte sicherte sich den begehrten Ingeborg-Bachmann-Preis mit einer Erzählung über zwei übergewichtige Schülerinnen, die so viel 'existenzielle Wucht' entfaltete, dass die Statik des ORF-Landesstudios kurzzeitig gefährdet schien. Während die Protagonistinnen im Text vermutlich mit den Tücken der Schulspeisung und der sozialen Ausgrenzung rangen, kämpfte die Jury mit den Tränen der Rührung über so viel mutige Durchschnittlichkeit. Es ist die höchste Form der deutschen Geistesarbeit, wenn privilegierte Intellektuelle in Leinenhemden so tun, als sei die Beschreibung von Adipositas im Plattenbau eine metaphysische Grenzerfahrung auf Augenhöhe mit Dante. Schätte beherrscht das Handwerk der literarischen Mangelverwaltung perfekt: Ein bisschen Sozialreportage, eine Prise Körperflüssigkeiten und die für den Bachmann-Preis obligatorische Abwesenheit von jeglichem Humor, der nicht aus Verzweiflung resultiert. Man fragt sich unweigerlich, ob die Laudatio ein tiefgreifendes Verständnis des Textes widerspiegelte oder lediglich die kollektive Erleichterung der Jury darüber, dass zur Abwechslung einmal keine komplizierten Schachtelsätze über den Untergang des Abendlandes, sondern bloß über den Untergang der Diätindustrie verhandelt wurden. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass deutsche Literatur erst dann preiswürdig ist, wenn der Leser nach der Lektüre das dringende Bedürfnis verspürt, sich entweder zu entschuldigen oder wenigstens eine Selbsthilfegruppe für semantische Völlerei zu gründen.