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Das deutsche Feuilleton hat eine neue Lieblingsbeschäftigung gefunden: die retrospektive Grundreinigung der Geistesgeschichte, bei der Wim Wenders aktuell als der Schmuddeljunge gilt, der 1975 vergessen hat, seine moralischen Hände zu waschen. Die Diskussion um Falsche Bewegung offenbart das Kernproblem unserer Epoche: Wir bewerten die Vergangenheit mit der Präzision eines Chirurgen, nutzen dafür aber das Instrumentarium eines Presslufthammers. Es ist eine faszinierende Form der intellektuellen Nekrophilie, bei der man Leichen ausgräbt, um ihnen nachträglich das Verweilen im Parkverbot vorzuwerfen. Wenders, der Mann, dessen Filme so langsam sind, dass die Zuschauer früher aus biologischen Gründen alterten als aus erzählerischen, muss nun erleben, wie sein Werk am Reißbrett der Gegenwartsbefindlichkeit zerlegt wird. Wahrscheinlich wird man demnächst auch Goethes Werther wegen mangelnder Resilienz und unzureichendem Mental-Health-Coaching aus den Lehrplänen streichen, während Schiller für seine ungesunde Begeisterung für Stichwaffen eine Gefährderansprache erhält. Die Forderung nach einer ethischen Tiefenreinigung der Kunst gleicht dem Versuch, ein Omelett zu entbeinen, indem man das Huhn rückwirkend zur Veganerin erklärt. Am Ende dieser Entwicklung steht eine Kulturlandschaft, die so steril und keimfrei ist wie die Intensivstation eines Krankenhauses, in der man zwar sicher ist, aber vor lauter Langeweile lieber freiwillig den Stecker zieht. Wenn wir so weitermachen, besteht das Weltkulturerbe bald nur noch aus dem Sandmännchen, vorausgesetzt, man kann nachweisen, dass der Schlafsand aus fairem Handel stammt und keine Feinstaubbelastung darstellt. Wer Kunst nur erträgt, wenn sie den Charme einer Bedienungsanleitung für schwedische Regalsysteme hat, sollte vielleicht einfach aufhören zu gucken und stattdessen lieber professionell gegen Raufasertapeten starren.
Panorama

Moralkompostierung: Kulturerbe wird jetzt im ökologisch abbaubaren Giftschrank zwischengelagert

Das deutsche Feuilleton hat eine neue Lieblingsbeschäftigung gefunden: die retrospektive Grundreinigung der Geistesgeschichte, bei der Wim Wenders aktuell als der Schmuddeljunge gilt, der 1975 vergessen hat, seine moralischen Hände zu waschen. Die Diskussion um Falsche Bewegung offenbart das Kernproblem unserer Epoche: Wir bewerten die Vergangenheit mit der Präzision eines Chirurgen, nutzen dafür aber das Instrumentarium eines Presslufthammers. Es ist eine faszinierende Form der intellektuellen Nekrophilie, bei der man Leichen ausgräbt, um ihnen nachträglich das Verweilen im Parkverbot vorzuwerfen. Wenders, der Mann, dessen Filme so langsam sind, dass die Zuschauer früher aus biologischen Gründen alterten als aus erzählerischen, muss nun erleben, wie sein Werk am Reißbrett der Gegenwartsbefindlichkeit zerlegt wird. Wahrscheinlich wird man demnächst auch Goethes Werther wegen mangelnder Resilienz und unzureichendem Mental-Health-Coaching aus den Lehrplänen streichen, während Schiller für seine ungesunde Begeisterung für Stichwaffen eine Gefährderansprache erhält. Die Forderung nach einer ethischen Tiefenreinigung der Kunst gleicht dem Versuch, ein Omelett zu entbeinen, indem man das Huhn rückwirkend zur Veganerin erklärt. Am Ende dieser Entwicklung steht eine Kulturlandschaft, die so steril und keimfrei ist wie die Intensivstation eines Krankenhauses, in der man zwar sicher ist, aber vor lauter Langeweile lieber freiwillig den Stecker zieht. Wenn wir so weitermachen, besteht das Weltkulturerbe bald nur noch aus dem Sandmännchen, vorausgesetzt, man kann nachweisen, dass der Schlafsand aus fairem Handel stammt und keine Feinstaubbelastung darstellt. Wer Kunst nur erträgt, wenn sie den Charme einer Bedienungsanleitung für schwedische Regalsysteme hat, sollte vielleicht einfach aufhören zu gucken und stattdessen lieber professionell gegen Raufasertapeten starren.

29.06.2026, 04:01 · Ausgabe Nr. 217

Original Nachricht

Wie umgehen mit alter Kunst, wenn sich moralische Werte ändern? Mit der Diskussion um Wim Wenders' Film "Falsche Bewegung" von 1975 ist der Streit um eine grundsätzliche Frage neu entbrannt. Von W. Keuneke und V. Kleber.

Quelle: tagesschau.de