
Haltungsnoten für Steißbeine: Wie Thonet das kollektive Durchsitzen zum Kulturgut erhob
Es ist die wohl eleganteste Art der physischen Selbstgeißelung: Das Sitzen auf thonet’schen Bugholz-Kurven. Michael Thonet, der Marquis de Sade des Möbelbauwerks, erkannte bereits vor zwei Jahrhunderten, dass der Mensch nur dann wirklich kultiviert wirkt, wenn er beim Kaffeetrinken das Gefühl hat, auf einem filigranen Folterinstrument aus dem Dampfbad zu thronen. Sein Stuhl Nr. 14 ist das erste industriell gefertigte Skelett, das vorgibt, eine Sitzgelegenheit zu sein, während es in Wahrheit lediglich dazu dient, die Wirbelsäule in eine Form zu bringen, die selbst Orthopäden das Fürchten lehrt. In einer Welt, in der Gemütlichkeit als bürgerliche Schwäche gilt, perfektionierte Thonet die Kunst, Holz so lange zu dämpfen, bis es sich dem Willen des Fabrikanten ebenso beugt wie der moderne Angestellte dem Wahnsinn des Großraumbüros. Während Ikea uns heute mit Sperrholz-Puzzles aus der Hölle quält, die nach drei Umzügen die strukturelle Integrität eines nassen Knäckebrots aufweisen, lieferte Thonet bereits das Original für die globale Massenabfertigung. Sein Genie bestand darin, Möbel so leicht zu bauen, dass man sie mühelos gegen die herannahende Realität werfen kann. Dass Miriam Berger nun die Zeitlosigkeit dieser Konstruktion lobt, lässt tief blicken: Wir feiern ein Design, das im Grunde die ästhetische Vorbereitung auf das altersbedingte Verrotten in schlecht gepolsterten Wartezimmern darstellt. Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass der Mensch erst dann wirklich Haltung zeigt, wenn er auf einem Stuhl sitzt, der ihn daran erinnert, dass sein Körper eigentlich nur eine unglücklich geformte Ansammlung von Bandscheibenvorfällen ist.