
Lazarett Europa: Wo der Schnupfen zur Staatsaffäre und Hausarrest zur Heilmethode wird
Während der deutsche Arbeitnehmer bereits beim ersten Kratzen im Hals die Rentenversicherung auf Kurzwahl legt, zeigt ein Blick über die Grenzen, dass Mitleid in Europa eine knappe Ressource ist. Frankreich etwa pflegt die radikale Karenzzeit-Diät: Wer dort die Frechheit besitzt, krank zu werden, darf die ersten drei Tage auf Staatskosten hungern. Das ist gelebte Liberté – die Freiheit, sich zwischen einer Lungenentzündung und einer warmen Mahlzeit zu entscheiden. In Italien wiederum setzt man auf das Prinzip Guardia di Finanza im Schlafzimmer. Wer sich dort krankmeldet, muss damit rechnen, dass ein Carabiniere die Bettdecke lupft, um zu prüfen, ob der Patient tatsächlich im Sterben liegt oder lediglich die Espressomaschine entkalkt. Es ist die charmante mediterrane Interpretation von Homeoffice, bei der die einzige Überraschung nicht der Paketbote, sondern die Staatsmacht ist. In Deutschland hingegen wird das Modell der telefonischen Krankschreibung gefeiert, die moderne Antwort auf das Orakel von Delphi, bei der man dem Arzt nur lange genug ins Ohr husten muss, bis er die gewünschte Diagnose per Bluetooth-Fernheilung unterschreibt. Man sollte diese europäischen Diskrepanzen nutzen: Wer Effizienz will, schickt Kranke nach Frankreich, wer Unterhaltung will, nach Italien. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der europäische Binnenmarkt für Viren zwar perfekt funktioniert, der Patient aber je nach Breitengrad entweder als Staatsfeind, Bettler oder schlichtweg als simulierender Urlaubsanspruchsberechtigter behandelt wird. Wahre Solidarität in der EU zeigt sich eben erst dann, wenn alle gemeinsam im Wartezimmer der Geschichte sitzen und darauf warten, dass jemand die Gebührenordnung für den Untergang erklärt.