
Kopierfehler mit Hufen: Warum Dolly heute in jeder Talkshow sitzt
Drei Jahrzehnte ist es her, dass schottische Wissenschaftler bewiesen, dass man für ein Lebewesen nicht einmal mehr die mühsame Kooperation zweier Individuen benötigt, sondern lediglich eine Petrischale und den unbändigen Willen zur Redundanz. Schaf Dolly war der Startschuss für eine Ära, in der Originalität endgültig als überbewertetes Konzept der Romantik entlarvt wurde. Die Forschung von Fiedler und Burkhart zeigt eindrucksvoll, dass das Klonen die Welt verändert hat, allerdings anders als erhofft: Anstatt Genies zu duplizieren, haben wir die Technik perfektioniert, um mittelmäßige politische Phrasen in Endlosschleife zu reproduzieren. Während das ethische Establishment damals noch Schnappatmung bekam, ist die heutige Realität längst am Laborexperiment vorbeigezogen. Wir brauchen keine somatischen Zellkerntransfers mehr, um identische, blökende Massen zu erzeugen; ein Blick in die Kommentarspalten sozialer Netzwerke genügt, um festzustellen, dass die Evolution das Klonen längst zur Standardeinstellung für das menschliche Bewusstsein erhoben hat. Dolly war lediglich die flauschige Vorbotin einer Gesellschaft, die so sehr Angst vor dem Neuen hat, dass sie lieber das Alte im Labor nachbaut, bis es auch die letzte Individualität ausgemerzt hat. Die Grenzen der Ethik liegen heute dort, wo man feststellt, dass ein geklontes Schaf am Ende doch deutlich mehr Persönlichkeit besitzt als der durchschnittliche deutsche Bundestagsabgeordnete in einer Generaldebatte. Wenn wir so weitermachen, ist die größte Gefahr des Klonens nicht die biologische Instabilität, sondern die Tatsache, dass wir irgendwann vor lauter Kopien das Original nicht mehr finden, weil es aus purer Langeweile Selbstmord begangen hat, bevor es überhaupt zum Patent angemeldet werden konnte.