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In Deutschland herrscht akuter Wohnungsmangel, doch keine Sorge: Die Bundesregierung arbeitet mit Hochdruck daran, dass wir wenigstens stilvoll auf dem Trockenen sitzen. Während Sand und Kies seltener werden als ein ehrliches Wort im Wirecard-Untersuchungsausschuss, horten Behörden ihre Baustoff-Jungfräulichkeit wie einen heiligen Gral. Recycling-Material, im Fachjargon auch die Resterampe des Anthropozäns genannt, ist technisch längst auf dem Niveau von Champagner, wird in öffentlichen Ausschreibungen jedoch behandelt wie eine offene Tuberkulose. Wahrscheinlich fürchtet man in den Amtsstuben, dass eine Kita aus recyceltem Schotter bei den Kindern zu einer unkontrollierten Vorliebe für Second-Hand-Mode und kreislaufwirtschaftlichem Denken führen könnte – ein Albtraum für jeden braven Konsumautomaten. Die Hürden für den Wiedereinsatz sind so hoch, dass man sie eigentlich aus zertifiziertem Neukies nachbauen müsste, um sie offiziell zu genehmigen. Johannes Lenz berichtet von Projekten, die lieber an der Bürokratie zerschellen als an mangelnder Statik. Es ist die ultimative deutsche Erfolgsgeschichte: Wir haben zwar keine Steine mehr, aber dafür die schönsten Formulare, um das Fehlen derselben zu begründen. Während die Welt um uns herum mit futuristischen Bautechniken spielt, pflegt der deutsche Beamte seine pathologische Obsession für das Unberührte. Am Ende bauen wir unsere neuen Brücken wahrscheinlich gar nicht mehr aus Beton, sondern aus den abgelehnten Bauanträgen für Recycling-Projekte – das Papier ist ohnehin geduldiger und in diesem Land die einzige Ressource, deren Nachschub durch den massiven Wald von Paragrafen auf ewig gesichert bleibt.
Wirtschaft

Deutscher Amtsschimmel frisst lieber Frischkies statt moralisch einwandfreien Recyclingmüll

In Deutschland herrscht akuter Wohnungsmangel, doch keine Sorge: Die Bundesregierung arbeitet mit Hochdruck daran, dass wir wenigstens stilvoll auf dem Trockenen sitzen. Während Sand und Kies seltener werden als ein ehrliches Wort im Wirecard-Untersuchungsausschuss, horten Behörden ihre Baustoff-Jungfräulichkeit wie einen heiligen Gral. Recycling-Material, im Fachjargon auch die Resterampe des Anthropozäns genannt, ist technisch längst auf dem Niveau von Champagner, wird in öffentlichen Ausschreibungen jedoch behandelt wie eine offene Tuberkulose. Wahrscheinlich fürchtet man in den Amtsstuben, dass eine Kita aus recyceltem Schotter bei den Kindern zu einer unkontrollierten Vorliebe für Second-Hand-Mode und kreislaufwirtschaftlichem Denken führen könnte – ein Albtraum für jeden braven Konsumautomaten. Die Hürden für den Wiedereinsatz sind so hoch, dass man sie eigentlich aus zertifiziertem Neukies nachbauen müsste, um sie offiziell zu genehmigen. Johannes Lenz berichtet von Projekten, die lieber an der Bürokratie zerschellen als an mangelnder Statik. Es ist die ultimative deutsche Erfolgsgeschichte: Wir haben zwar keine Steine mehr, aber dafür die schönsten Formulare, um das Fehlen derselben zu begründen. Während die Welt um uns herum mit futuristischen Bautechniken spielt, pflegt der deutsche Beamte seine pathologische Obsession für das Unberührte. Am Ende bauen wir unsere neuen Brücken wahrscheinlich gar nicht mehr aus Beton, sondern aus den abgelehnten Bauanträgen für Recycling-Projekte – das Papier ist ohnehin geduldiger und in diesem Land die einzige Ressource, deren Nachschub durch den massiven Wald von Paragrafen auf ewig gesichert bleibt.

05.07.2026, 10:02 · Ausgabe Nr. 310

Original Nachricht

Kies, Sand und Schotter werden knapp und teurer. Recycling-Baustoffe könnten helfen. Doch trotz ausgereifter Technik gibt es vor allem bei öffentlichen Projekten große Hürden. Von Johannes Lenz.

Quelle: tagesschau.de