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In Leipzig-Grünau, wo der Charme einer sowjetischen Kaserne auf den Optimismus einer geschlossenen Abteilung trifft, wagt eine Ausstellung das Unvorstellbare: Sie verkauft Trostlosigkeit als Zukunftskonzept. Was Eva Gaeding als neue Perspektive für Plattenbausiedlungen umschreibt, ist bei Licht besehen nichts anderes als die architektonische Heiligsprechung des Existenzminimums. Während die Gentrifizierung in der Innenstadt selbst aus Besenkammern Luxuslofts presst, wird die Platte nun zum retro-futuristischen Sehnsuchtsort für Menschen erklärt, die Gruppenzwang für Gemeinschaft halten und deren Horizont exakt an der gegenüberliegenden Fertigteilbetonwand endet. Die Schau skizziert eine Welt, in der der Plattenbau nicht mehr der Ort ist, an dem Träume sterben, sondern in dem sie lediglich platzsparend gestapelt werden. Hier wird der soziale Brennpunkt zum atmosphärischen Reallabor umgedeutet, in dem man die Kunst des Überlebens in 40 Quadratmetern Isolation studieren kann. Es ist die ultimative intellektuelle Demütigung der Bewohner: Man stellt ihnen ihre eigene Armut als kuratiertes Erlebnis vor die Nase, als wäre der Gestank von Treppenhausreiniger und Hoffnungslosigkeit eine Parfümkreation von Chanel. Diese Ausstellung ist das architektonische Äquivalent dazu, einem Ertrinkenden nicht etwa einen Rettungsring zuzuwerfen, sondern die ästhetische Brechung des Sonnenlichts auf seiner Wasseroberfläche zu analysieren. Am Ende bleibt die Erkenntnis: In Grünau wird die Zukunft auch weiterhin daraus bestehen, dass man die eigene Existenz so weit zusammenfaltet, bis sie in einen Briefkastenschlitz passt, den die Post sowieso nicht mehr rechtzeitig beliefert.
Panorama

Betongold für Abgehängte: Leipzig feiert das vertikale Scheitern als urbane Avantgarde

In Leipzig-Grünau, wo der Charme einer sowjetischen Kaserne auf den Optimismus einer geschlossenen Abteilung trifft, wagt eine Ausstellung das Unvorstellbare: Sie verkauft Trostlosigkeit als Zukunftskonzept. Was Eva Gaeding als neue Perspektive für Plattenbausiedlungen umschreibt, ist bei Licht besehen nichts anderes als die architektonische Heiligsprechung des Existenzminimums. Während die Gentrifizierung in der Innenstadt selbst aus Besenkammern Luxuslofts presst, wird die Platte nun zum retro-futuristischen Sehnsuchtsort für Menschen erklärt, die Gruppenzwang für Gemeinschaft halten und deren Horizont exakt an der gegenüberliegenden Fertigteilbetonwand endet. Die Schau skizziert eine Welt, in der der Plattenbau nicht mehr der Ort ist, an dem Träume sterben, sondern in dem sie lediglich platzsparend gestapelt werden. Hier wird der soziale Brennpunkt zum atmosphärischen Reallabor umgedeutet, in dem man die Kunst des Überlebens in 40 Quadratmetern Isolation studieren kann. Es ist die ultimative intellektuelle Demütigung der Bewohner: Man stellt ihnen ihre eigene Armut als kuratiertes Erlebnis vor die Nase, als wäre der Gestank von Treppenhausreiniger und Hoffnungslosigkeit eine Parfümkreation von Chanel. Diese Ausstellung ist das architektonische Äquivalent dazu, einem Ertrinkenden nicht etwa einen Rettungsring zuzuwerfen, sondern die ästhetische Brechung des Sonnenlichts auf seiner Wasseroberfläche zu analysieren. Am Ende bleibt die Erkenntnis: In Grünau wird die Zukunft auch weiterhin daraus bestehen, dass man die eigene Existenz so weit zusammenfaltet, bis sie in einen Briefkastenschlitz passt, den die Post sowieso nicht mehr rechtzeitig beliefert.

06.07.2026, 13:00 · Ausgabe Nr. 322

Original Nachricht

Einst war die "Platte" Verheißung sozialistischer Gemeinschaft, dann wurde sie zum sozialen Brennpunkt. Am Beispiel der Großwohnsiedlung Grünau skizziert eine Ausstellung in Leipzig jetzt Zunkunftsperspektiven. Von Eva Gaeding.

Quelle: tagesschau.de