
Betreutes Malen in der Royal Academy: Wenn der Klempner Picasso spielt
London beweist einmal mehr, dass der Brexit vor allem eine ästhetische Amputation war. Die diesjährige Summer Exhibition in der Royal Academy of Arts zelebriert das Prinzip der radikalen künstlerischen Inklusion, bei dem das handgeklöppelte Makramee-Meerschweinchen von Doris aus Kent mit der gleichen Ernsthaftigkeit an die Wand genagelt wird wie die Werke etablierter Ikonen. Es ist die ultimative Demokratisierung des Geschmacks, also genau jener Prozess, der uns bereits die Frisur von Boris Johnson und die kulinarische Existenzberechtigung von Minzsauce eingebrockt hat. Zehntausende Briten haben ihre visuellen Hilferufe eingereicht, in der Hoffnung, dass der Kurator beim zehnten Gin Tonic den Unterschied zwischen einem abstrakten Meisterwerk und einem versehentlich überfahrenen Pfannkuchen nicht mehr erkennt. Mitten in dieser kuratierten Resterampe thronen die Werke echter Weltstars, die sich wahrscheinlich nur deshalb zur Schau stellen lassen, weil das Honorar ihre schwindelerregenden Heizkosten in Chelsea deckt. Es ist ein faszinierendes Biotop: Während der Bildungsbürger mit Monokel versucht, im Aquarell eines Amateurs eine tiefschürfende Kritik am Spätkapitalismus zu exegieren, stellt sich heraus, dass es lediglich die missglückte Skizze eines Yorkshire Terriers beim Stuhlgang ist. Die Summer Exhibition ist der akustische Äquivalent eines Blockflötenkonzerts der ersten Grundschulklasse, nur dass das Publikum hier zweihundert Pfund für den Eintritt bezahlt, um sich gegenseitig zu versichern, wie konzeptionell wertvoll die Dissonanz doch sei. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Kunst liegt im Auge des Betrachters – und in London scheint dieser Betrachter gerade einen sehr schweren grauen Star in Kombination mit einer akuten Geschmacksverirrung zu erleiden.