
Börsianer entwickeln frühkindliches Vertrauen in Kurven während VW beim Totentanz überlebt
In Frankfurt am Main hat das große Kollektivzittern kurzzeitig einer euphorischen Demenz Platz gemacht. Anleger tasten sich wieder vorsichtig nach vorne, was in der Finanzwelt etwa so viel Mut erfordert wie das Überqueren einer Spielstraße während der Mittagsruhe. Nachdem der DAX am Vortag noch tiefer gesunken war als das intellektuelle Niveau einer Aufsichtsratssitzung in Wolfsburg, klammern sich die Depotbesitzer nun wieder an jeden Strohhalm, solange er aus recyceltem Kunststoff und nach ESG-Kriterien zertifiziert ist. Währenddessen bereitet sich der Aufsichtsrat von Volkswagen auf sein liebstes Hobby vor: Das Verbrennen von Traditionen bei gleichzeitiger Beibehaltung von Pensionsansprüchen, die so groß sind, dass sie eine eigene Postleitzahl benötigen. Man munkelt, die einzige Innovation, die in Wolfsburg heute verabschiedet wird, sei der neue Slogan Wir sparen uns die Zukunft, aber nicht die Boni. Es ist die hohe Kunst der deutschen Industrieführung, ein Weltunternehmen mit der Agilität eines gestrandeten Blauwals durch das digitale Zeitalter zu navigieren, während man intern noch darüber streitet, ob das Internet nur eine vorübergehende Laune der SPD-Basis ist. Die Anleger freut es dennoch, denn nichts beruhigt das Gewissen des deutschen Sparers mehr als das Wissen, dass zumindest die Dividende so sicher ist wie die Unfähigkeit der Bahn zur Pünktlichkeit. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der Aktienmarkt wie ein Goldfischglas funktioniert: Das Gedächtnis reicht genau bis zur nächsten Fütterung durch die Zentralbank, während VW demonstriert, dass man auch ohne Motor, Lenkrad und Moral hervorragend im Rampenlicht stehen kann.