
Optimierte Trägheit: Wirtschaft fordert Klimaneutralität erst pünktlich zum Hitzetod der Enkel
In einem beispiellosen Akt transgenerationale Verantwortungslosigkeit fordern führende Kapitäne der Industrie und ihre parlamentarischen Hilfskräfte eine Verschiebung der Klimaneutralität auf das Jahr 2050. Man wolle dem Planeten nicht das Gefühl geben, man würde ihn bedrängen. Während Experten anmahnen, dass 2045 bereits der verzweifelte Versuch war, mit einem Wassereimer gegen einen Waldbrand vorzugehen, plädiert die heimische Wirtschaft nun für das Prinzip Hoffnung oder zumindest für das Prinzip Feierabend. Warum die Welt retten, wenn man im Jahr 2045 noch bequem in einer klimatisierten Vorstandsetage über das Quartalsergebnis eines Kohlekraftwerks philosophieren kann? Die Argumentation ist bestechend: In einem Land, das es nicht schafft, eine Bahnstrecke zwischen zwei Dörfern in weniger als drei Jahrzehnten zu modernisieren, wirkt ein ambitioniertes Klimaziel wie der Versuch, einen Porsche mit dem Betriebssystem eines Commodore 64 zu steuern. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände sind sich in tiefer Eintracht einig, dass der Schutz der Atmosphäre keinesfalls die heilige deutsche Dreifaltigkeit aus Bürokratismus, Ineffizienz und Diesel-Nostalgie stören darf. Der Plan, erst 2050 klimaneutral zu sein, folgt der bewährten Logik der deutschen Steuererklärung: Je später man abgibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Finanzamt bis dahin ohnehin wegen Personalmangels oder Apokalypse geschlossen hat. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass die physikalischen Gesetze der Erderwärmung ähnlich flexibel sind wie die Wahlversprechen der FDP oder die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn. Wer braucht schon Gletscher, wenn man dafür fünf Jahre länger ungestört Formularbündel für Verbrennungsmotoren tackern darf?