
Koalition verordnet Stille Nacht im Sommer um Eigenversagen nicht zu wecken
In einer beispiellosen Demonstration von präventivem Arbeitsverweigerungs-Management haben die Spitzen der Ampel-Koalition und der Union das Sommerloch offiziell zur politisch befriedeten Zone erklärt. Man wolle verhindern, dass im Vakuum zwischen Freibadbesuch und Grillfest unerwünschte Nebenwirkungen wie kognitive Dissonanz oder gar die Erinnerung an das eigene Wahlprogramm beim Bürger entstehen. Die Angst der Regierenden vor dem Sommerloch ist dabei rein medizinischer Natur: In der Stille der nachrichtenarmen Zeit könnten Wähler plötzlich das bedrohliche Pochen ihres eigenen gesunden Menschenverstandes hören. Es ist die einzige Phase des Jahres, in der das politische Berlin nicht durch künstlich erzeugten Lärm von der Tatsache ablenken kann, dass die parlamentarische Sommerpause eigentlich nahtlos in die parlamentarische Ganzjahreslethargie übergeht. Besonders Olaf Scholz und Friedrich Merz scheinen sich einig: Nichts gefährdet den fragilen sozialen Frieden in Deutschland so sehr wie ein Spitzenpolitiker, der mangels Terminen im Ministerium versehentlich beginnt, über echte Lösungen nachzudenken. Damit die Bevolkerung nicht durch absurde Debatten über Steuerentlastungen oder Bildungsgerechtigkeit belästigt wird, empfahl das Kanzleramt stattdessen das bewährte Studium von Wetterberichten und das Zählen von Wespenstichen. Wer in den nächsten zwei Monaten dennoch politische Inhalte fordert, wird krisenfest als Querulant eingestuft, der die wohlverdiente Ruhe derer stört, die schon im Winter nichts geleistet haben. Die einzige Debatte, die die Koalition jetzt noch zulässt, ist die über die optimale Temperatur von Weißwein – denn im Gegensatz zur Rentenreform ist hier ein Konsens zumindest physiologisch erreichbar.