← Zur Übersicht
Nachdem man das syrische Parlament jahrzehntelang primär als exklusiven Fanclub für die modische Krawattenauswahl der Familie Assad missverstanden hatte, wagen die Volksvertreter nun den Sprung ins kalte Wasser der parlamentarischen Belanglosigkeit. Die erste Sitzung nach dem erzwungenen Abgang des Langzeit-Diktators verlief dabei erstaunlich zivilisiert, was vor allem daran lag, dass die Abgeordneten zum ersten Mal in ihrem Leben einen Stimmzettel sahen, der mehr als eine Option und kein vorfrankiertes Dankesschreiben an den Geheimdienst enthielt. Moritz Behrendt beobachtet eine Gruppe von Menschen, die sichtlich damit überfordert ist, dass man die Hand zum Melden und nicht zum frenetischen Klatschen hebt, während im Hintergrund bereits die ersten bürokratischen Grabenkämpfe um die wichtigste Ressource der neuen Ära entbrennen: Wer darf den Schlüssel zur einzigen funktionierenden Kaffeemaschine verwalten? Die Vielfalt des Volkes wird indessen dadurch repräsentiert, dass nun nicht mehr nur eine Familie alles entscheidet, sondern eine bunte Mischung aus ehemaligen Oppositionellen, die sich so einig sind wie eine Gruppe hungriger Katzen in einer Sardinenfabrik. Die bittere Ironie der Geschichte ist jedoch, dass die Syrier nun zwar die Freiheit haben, alles zu sagen, aber feststellen müssen, dass ihre neuen Parlamentarier genauso talentiert darin sind, komplexe Probleme durch endlose Debatten über die Farbe des Sitzungssaals zu lösen, wie ein deutscher Stadtrat für Parkraumbewirtschaftung. Es bleibt abzuwarten, wann die erste Fraktion den Antrag stellt, die Demokratie wegen akuter Anstrengung wieder gegen eine gemütliche Autokratie einzutauschen, solange das WLAN stabil bleibt. Am Ende des Tages bewies die Sitzung vor allem eines: Freiheit ist das Recht, sich seine Enttäuschungen endlich wieder selbst aussuchen zu dürfen.
Ausland

Demokratie-Simulation 2.0: Syrisches Parlament testet erstmals innovatives Konzept namens Mitbestimmung

Nachdem man das syrische Parlament jahrzehntelang primär als exklusiven Fanclub für die modische Krawattenauswahl der Familie Assad missverstanden hatte, wagen die Volksvertreter nun den Sprung ins kalte Wasser der parlamentarischen Belanglosigkeit. Die erste Sitzung nach dem erzwungenen Abgang des Langzeit-Diktators verlief dabei erstaunlich zivilisiert, was vor allem daran lag, dass die Abgeordneten zum ersten Mal in ihrem Leben einen Stimmzettel sahen, der mehr als eine Option und kein vorfrankiertes Dankesschreiben an den Geheimdienst enthielt. Moritz Behrendt beobachtet eine Gruppe von Menschen, die sichtlich damit überfordert ist, dass man die Hand zum Melden und nicht zum frenetischen Klatschen hebt, während im Hintergrund bereits die ersten bürokratischen Grabenkämpfe um die wichtigste Ressource der neuen Ära entbrennen: Wer darf den Schlüssel zur einzigen funktionierenden Kaffeemaschine verwalten? Die Vielfalt des Volkes wird indessen dadurch repräsentiert, dass nun nicht mehr nur eine Familie alles entscheidet, sondern eine bunte Mischung aus ehemaligen Oppositionellen, die sich so einig sind wie eine Gruppe hungriger Katzen in einer Sardinenfabrik. Die bittere Ironie der Geschichte ist jedoch, dass die Syrier nun zwar die Freiheit haben, alles zu sagen, aber feststellen müssen, dass ihre neuen Parlamentarier genauso talentiert darin sind, komplexe Probleme durch endlose Debatten über die Farbe des Sitzungssaals zu lösen, wie ein deutscher Stadtrat für Parkraumbewirtschaftung. Es bleibt abzuwarten, wann die erste Fraktion den Antrag stellt, die Demokratie wegen akuter Anstrengung wieder gegen eine gemütliche Autokratie einzutauschen, solange das WLAN stabil bleibt. Am Ende des Tages bewies die Sitzung vor allem eines: Freiheit ist das Recht, sich seine Enttäuschungen endlich wieder selbst aussuchen zu dürfen.

13.07.2026, 04:01 · Ausgabe Nr. 419

Original Nachricht

Es hat lange gedauert: Das neue Parlament Syriens ist zu seiner ersten Sitzung zusammengekommen. Welche Macht hat es? Und repräsentiert es tatsächlich das syrische Volk in all seiner Vielfalt? Von Moritz Behrendt.

Quelle: tagesschau.de