
Textiler Abstiegskampf: Wenn Polyester-Verschleiß als Haute Couture an der Armutsgrenze gilt
Es ist die finale Kapitulation des guten Geschmacks vor der Macht der Massentierhaltung in Stadien: Das Fußballtrikot hat den Sprung vom verschwitzten Fankurven-Dasein auf die Laufstege geschafft. Emma Luna Velasco Willems analysiert diesen Hype, der im Grunde nichts anderes ist als die ästhetische Heiligsprechung von 100 Prozent giftigem Rohölgewebe. Während früher nur Männer mit fragwürdigem BMI und einer Vorliebe für lauwarmes Dosenbier in neonfarbenen Funktionsfetzen die Fußgängerzonen terrorisierten, zahlt die Generation Z heute bereitwillig dreistellige Beträge, um wie ein gesponserter Werbeträger für katarische Fluglinien oder zwielichtige Wettanbieter auszusehen. Die Sportartikelhersteller reiten derweil die Nostalgiewelle so hart, dass man fast darauf wartet, dass Adidas demnächst die originalen Schweißflecken von Lothar Matthäus aus dem Jahr 1990 als Vintage-Extra einwebt. Es ist die ultimative Ironie der Moderne: Man trägt die Uniform des körperlichen Höchstleistungssports, während die einzige athletische Herausforderung darin besteht, den QR-Code auf der Lieferando-Tüte unfallfrei zu scannen. Der sogenannte Blokecore-Trend beweist eindrucksvoll, dass man kulturelle Identität heute am besten dadurch simuliert, dass man sich wie ein britischer Hooligan verkleidet, ohne jemals das Risiko einzugehen, tatsächlich eine Glasflasche an den Kopf zu bekommen. Mode ist eben der Versuch, den inneren Leerlauf durch äußere Sponsorenverträge zu kaschieren. Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Wer 120 Euro für ein Stück Plastik ausgibt, das nach zwei Wäschen die Form einer Amöbe annimmt, hat die Kontrolle über sein Leben nicht nur verloren, sondern sie beim vierten Offiziellen zur Auswechslung angemeldet.