
Textil-Totalitarismus: Wie drei Konzerne elf Milliardäre in bunte Litfaßsäulen verwandeln
Wenn Bianca von der Au uns die globale Bedeutung der Sportartikelhersteller erklärt, klingt das fast so, als handele es sich um eine karitative Veranstaltung zur ästhetischen Aufwertung von Oberschenkeln. In Wahrheit ist die Weltmeisterschaft nichts weiter als ein hochfrequenter Dauerwerbespot, bei dem gelegentlich ein Ball die Sicht auf das Logo stört. Adidas, Nike und Puma haben das Prinzip der Leibeigenschaft erfolgreich in die Moderne gerettet und lassen junge Männer für Millionengagen in Polyester-Gewändern auflaufen, die unter Bedingungen gefertigt wurden, bei denen selbst ein spätmittelalterlicher Feudalherr vor Mitleid kurz mit der Wimper gezuckt hätte. Der Effekt über die WM hinaus ist messbar: Während der Fan im heimischen Castrop-Rauxel glaubt, durch den Kauf eines 120 Euro teuren Plastiklappens Teil der Weltelite zu sein, ist die einzige Elite, die hier wirklich punktet, der Vorstandsetagen-Zirkel, der den BWL-Studenten vorgaukelt, dass Schweiß ohne Markenbranding chemisch wertlos sei. Dass man in Herzogenaurach und Beaverton den Fußball nur noch als lästiges Trägermaterial für polymere Marketingbotschaften betrachtet, ist die konsequente Weiterentwicklung des Sports. In einer Welt, in der ein gestickter Haken auf der Brust mehr moralisches Gewicht hat als die Statuten der FIFA, ist das Trikot längst die neue Nationalflagge der Beliebigkeit. Wer glaubt, es ginge um den Pokal, hat nicht verstanden, dass die wahre Trophäe eine Quartalsbilanz ist, die so aufgebläht wirkt wie der Ego-Tripp eines durchschnittlichen Flügelstürmers nach einem gewonnenen Zweikampf gegen eine Werbebande.